Briefe des Monats 2018 – eine fortlaufende Geschichte

 

Um Ihnen die Schriften vergangener Tage ein wenig näher zu bringen und die verschiedenen Schriftstile vorzustellen, die im Laufe der Jahrhunderte verwendet wurden, stelle ich in diesem blog jeden Monat ein handgeschriebenes Dokument vor, möglichst aus unterschiedlichen Epochen. Dieses Jahr werde ich einmal versuchen, den Fokus ein wenig mehr auf die Schrift an sich zu lenken, auch wenn es schwer fällt, den textlichen Inhalt außen vor zu lassen. Von der üblichen Handschrift, wie wir sie heute kennen, bis hin zu einer Gabelsberger Kurzschrift aus dem 19. Jahrhundert soll hier vieles seinen Platz finden. Vielleicht weckt es ja Interesse oder hilft bei der Einordnung eigener Schriftstücke. Den alten Gewohnheiten geschuldet beginnt das Jahr 2018 mit einem Brief des Expressionisten Heinrich Nauen aus dem Jahre 1914. Danach gehe ich zu den etwas exotischeren Schriftsystemen über.

02/18 DEK – Deutsche Einheitskurzschrift

Mit ein wenig Verspätung stelle ich heute einmal die DEK (Deutsche Einheitskurzschrift) vor. Ein guter Start, denn sie ist gegenwärtig das geläufigste System im deutschsprachigen Raum und kann als Zusammenfassung der Gabelsberger und Stolze-Schrey Kurzschriften gesehen werden. Für das ungeübte Auge sind diese Kurzschriften nicht leicht auseinander zu halten, mit ein wenig Allgemeinwissen ist das aber ganz gut möglich. Da bei dieser Schrift die Vokale meist nur durch lange oder kurze, normale oder verstärkte, nach unten oder oben verlaufende Verbindungen von Konsonanten dargestellt werden und eine Vielzahl von Kürzeln verwendet wird, die sinngemäß ein komplettes Wort ergeben, verkürzt sich der Text schon einmal um ein ganzes Stückchen. Durch weitere „Einsparungsmaßnahmen“ wie z. B. nicht ausgeschriebene Doppelkonsonanten oder verkürzte Vor- und Nachsilben minimiert sich der handgeschriebene Text noch weiter. Nimmt man zum Beispiel das Wort „Männer“, dann wird bei der DEK im eigentlichen Sinne „Mener“ geschrieben. Durch die Darstellung des Vokals „e“ als normale Verbindung zwischen den Konsonanten schreibt man im Endeffekt nur die Buchstaben „Mnr“ aus. Anders als bei der üblichen Schreibschrift stehen einem bei diesem System vier (gedachte) horizontale Linien zur Verfügung. Dieses ausgeklügelte System ist ein perfektes Instrument und ermöglicht eine äußerst schnelle und genaue Aufzeichnung.

Ohne jetzt noch weiter auf Einzelheiten einzugehen, hier einmal ein Beispiel der DEK, wie sie von Josef Kimmig im Jahre 1952 als Briefkonzept verfasst wurde:

Transkription:

durchgestrichen: Ihren Brief v. 29. Sept. haben wir erhalten und uns darüber sehr gefreut. Leider war es mir infolge Erkrankung nicht möglich, Ihnen sofort darauf zu antworten. Es kommt sonst nicht sehr häufig vor, daß jemand für ein Notquartier noch in einem besonderen Brief dankt. Ich weiß daher Ihr Dankschreiben schon recht zu schätzen. Sie haben sich dadurch als ein Mensch von edler Gesinnung erwiesen. Wie Sie es machen ist es die beste Art, für den Frieden und die Verständigung zu wirken. Und aus der Not unserer Zeit einen Weg in eine bessere Zukunft zu finden.

neu verfasste Einleitung: Ihren Brief v. 29. 9. haben wir erhalten, und wir haben uns darüber sehr gefreut. Leider war ich um diese Zeit erkrankt und so komme ich erst heute dazu, Ihnen für Ihren sehr lieben Brief zu danken. Es war für uns ja eine Selbstverständlichkeit, Ihnen in Ihrer Notlage behilflich zu sein, als Sie uns sagten, daß Sie ein auf Ferienfahrt befindlicher belgischer Student seien. Im Stillen haben wir auch daran gedacht, daß das belgische Volk im Zweiten Weltkrieg [seitens] unseres Volkes sehr viel Schweres und Bitteres erdulden mußte. In solcher Betrachtung wird unsere Hilfe nur eine kleine Geste der Menschlichkeit sein, die bekunden sollte, daß wir als Menschen und Priester für einander verantwortlich und einander in den vielfältigen Nöten des Daseins beizustehen haben, ganz gleich, welche Sprache wir als unsere Muttersprache sprechen. In den kurzen Gesprächen, welche ich mit Ihnen zu führen die Gelegenheit hatte, zeigte es sich, daß auch Sie sehr unvoreingenommen und jenseits aller nationalen Engstirnigkeiten über eine Tragödie in Europa und das Problem des Weltfriedens denken und auch Sie sich für das Ziel der Völkerverständigung einsetzen, und das hat uns sehr sehr gefreut. Jetzt werden Sie wohl an der berühmten Universität Löwen studieren. Wir wünschen Ihnen von Herzen recht guten Erfolg hierzu, sollte das Schicksal jemanden von uns einmal nach Belgien führen, dann wird es uns eine Freude sein, unsere persönliche Bekanntschaft zu erneuern. Meine Eltern und Geschwister lassen Sie recht herzlich grüßen, nicht minder Ihr …

01/18 Heinrich Nauen, Expressionist des Rheinlands

Das neue Jahr beginnt mit einem Brief aus der interessanten Korrespondenz von Johannes Geller aus Neuss, der als Kunstmäzen und Initiator der Gesellschaft zur Förderung der Kunst des 20. Jahrhunderts nicht nur Kontakte zu etlichen Kunsthistorikern pflegte, sondern sich gerade in Zeiten des 1. Weltkriegs darum bemühte, die Verbindungen zu seinen Freunden und Künstlern nicht abreißen zu lassen, welche größtenteils als Soldaten im Einsatz waren. Heinrich Nauen machte in diesem Brief vom 04.12.1914 deutlich, wie er persönlich zum Thema „Krieg“ und den damaligen Verhältnissen stand, insbesondere hinsichtlich der Kunst. Der beigefügte Zeitungsartikel verdeutlicht das ganz gut. Seine Schrift scheint den Charakter glänzend widerzuspiegeln. Eine eigenwillige, fließende, nahezu malerische Handschrift, die Platz benötigt. Es ist eine schöne Begebenheit, dass die Korrespondenz von Johannes Geller im Jahre 2015 in den Räumlichkeiten des Stadtarchiv Neuss zusammengeführt werden konnte. Dies ist nur einer von zahlreichen Briefen Heinrich Nauens, die seinen Freund J. Geller zwischen 1913-1921 in Neuss erreichten.

stadtarchiv neuss

Transkription:

Brüggen (Rheinland)/ Lieber Herr Geller. Der beiliegende Artikel wird Sie interessieren und ich freue mich, daß man auch jetzt schon anfängt keinen falschen Begriff des künstlerischen Schaffens aufkommen zu lassen, denn wehe, und Sie wissen was ich schon früher aussprach: ein sieghaftes Volk giebt den kleinen Gernegrößen ein zu bequemes Sprungbrett und ein warmes Bett falscher Deutschtümmelei. Was nun vorläufig zu thun nötig ist, ist alles andere wie Kunst, retten wir erst die Lebenswerte, die in unserem Volke stecken, denn das ist der einzige Boden darauf wir aufbauen können.

Ich reise am Samstag nach Rostock und stehe am Montag früh als Kriegsfreiwilliger auf dem Kasernenhof. Ein Zusammensein mit Ihnen hat sich leider nicht mehr ermöglichen lassen, vielleicht gelingt es vor meiner Abreise zur Front Urlaub zu erhalten und dann werde ich Sie sehen. Sie waren damals so liebenswürdig in der Angelegenheit mit Fl. [vertragliche Verbindlichkeiten mit dem Galeristen Alfred Flechtheim] meine Interessen in Händen zu nehmen und nun erhalten Sie auch noch das Übrige für den Fall, daß ich nicht zurückkomme. Ich lasse Ihnen die Papiere später von Rostock aus zukommen, ein paar Wochen frische Luft geben mir mehr Klarheit. Von Gosebruch [Kunsthistoriker Ernst Gosebruch] erhielt ich beiliegenden Brief. Mit seinem Vorschlag bin ich sehr zufrieden. Nur verstehe ich nicht, daß er die neuen Arbeiten dem älteren Bild von Fischer [Architekt und Kunstsammler Alfred Fischer] nicht den Vorzug giebt. Vielleicht hat er Recht, vielleicht war die Spannung meines Lebens der Arbeit nicht günstig.

Sie wissen wie schwer es mir fällt den Weg zu finden, der zu einer Befriedigung führt als Ausdruck meiner Kunst. Ich sehe nur, wie billig sich andere Künstler schonungslos über alles Zufällige hinwegsetzen und Anerkennung ernten für ihren Mangel an wirklichem Können. Originell sein in Halbwüchsigkeit ist keine Kunst, das verstehen primitive Menschen und vor allem Kinder noch besser. Aber sehen Sie, Gosebruch spricht mit keinem Wort von dem Bildnis was ich von Heckel [Künstler Erich Heckel] gemalt habe, und vielleicht, oder besser gesagt, ist dieses Bild viel wertvoller als was er sonst von jungen Künstlern in seiner Galerie hat. Glauben Sie mir, eine spätere Zeit wird alles fortwischen was keine Kraft in sich hat und Kraft hat nur etwas was vollendet in sich ist. Wenn man Mangel an Gefühl durch Rohheit hinstreicht ist das gewiß sehr originell, und ich bin dann immer erstaunt, wie anspruchslos wir der Kunst gegenüber geworden sind.

Bitte schreiben Sie mir ein Wort, wenn Sie in Essen gewesen sind. Meine Adresse: Frau von Malackowski, Rostock, St. Georgstaße 107. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus, Ihr ergebener H. Nauen